Die 3 Säulen der Meerwasseraquaristik…

3säulen…oder: was brauche ich für ein erfolgreich betriebenes Wohnzimmerriff?

Für alle Interessierten und Einsteiger stellen sich gerade vor dem Kauf ihres ersten Meerwasserbeckens drängende Fragen: Was brauche ich für ein funktionierendes Meerwasserbecken? Wie teuer wird das? Auf was muss ich achten? Muss ich vorher dicke Bücher wälzen oder reichen mir einige Youtube-Videos? Diese und weitere Fragen rund um den Einstieg in das begeisternde Meerwasser-Hobby findet ihr in diesem Artikel.

Klar, kein Meerwasseraquarium gleicht dem anderen. Gerade in den letzten Jahren hat es bzgl. der Technik rund um die Meerwasseraquaristik eine Myriade an Neuentwicklungen gegeben. Doch klar ist auch: Gerade der Anfänger braucht vieles davon nicht. Dagegen ist bestimmtes technisches Equipment wie z.B. ein Abschäumer nicht absolut notwendig, aber gerade für den Einsteiger ins Hobby aufgrund des großen Zugewinns an Sicherheit äußerst zu empfehlen. Doch rollen wir das Thema von hinten auf… Was braucht man (neben Becken und Unterschrank) unbedingt, um den Lebensraum „Korallenriff“ im Wohnzimmer zu schaffen – und dies möglichst konstant und über lange Zeit erfolgreich? Und hier kommen wir zu den drei wichtigsten Bedingungen, meine „3 Säulen“ der Meerwasseraquaristik:

  • Gute Wasserchemie (nah am „Original“ Meerwasser): Reines Ausgangswasser (Osmoseanalge!) mit gutem, möglichst reinem Meersalz und gute Filterung, bestehend aus Lebendgestein, Abschäumer und meist einem Filterbecken (=Technikbecken) + Rückförderpumpe
  • Gute Strömung: Strömungspumpe(n) möglichst laminar durchs ganze Becken ohne tote Ecken, möglichst pulsierend
  • Gutes Licht: LED / T5 / HQI – Beleuchtung mit guter Ausleuchtung (nicht zu spotlastig)

Mehr wird in der Regel nicht benötigt. Anstelle von Lebendgestein treten derzeit immer mehr fossile Aragonitgesteine, die aufbereitet und mit inaktiven Bakterienpopulationen besiedelt wurden (z.B. Carib Sea Live Rock). Wichtig an dieser Stelle: ein erfolgreiches Riffbecken steht und fällt mit der Erfüllung der drei wichtigsten Dinge, die Korallen als sessile Photosynthese-betreibende Organismen benötigen: Sauberes Wasser von möglichst perfekter chemischer Zusammensetzung (Filter!), Strömung und Licht.

„Reefkeeping is not about keeping fish, it’s about keeping water chemistry“.

Dieses alte Reefer-Motto möchte ich hier also um die beiden Aspekte Licht und Strömung erweitern. Über meinem Becken hatte ich von Beginn an sehr gute LED-Lampen von Eheim, die gegenüber vielen anderen LED-Leuchten den Vorteil einer sehr flächigen Ausleuchtung haben und auch sehr gute Wasserparameter eingestellt. Allerdings wuchsen gerade SPS aber auch einige LPS Korallen in den ersten Monaten nicht besonders stark. Dies lag daran, dass ich die dritte Säule der Riffaquaristik bis dato (vor allem aus Kostengründen) hintenangestellt hatte. Ich hatte aufgrund der Empfehlung des Aquarienhändlers meines Vertrauens zunächst nur eine Strömungspumpe (Tunze Turbelle Nanostream 6015) installiert und damit in meinem Würfel eine viel zu lokalisierte Strömung (wenn auch quantitativ die oft empfohlene 10-20x Umwälzung des Beckenvolumens), bei der aufgrund des komplexen Riffaufbaus auch noch viele tote Bereiche entstanden. Daher schaffte ich mit einer Maxspect Gyre XF-130 Abhilfe. Diese teure Gyre-Pumpe hat die Leistung und das Strömungsbild von mehreren Streampumpen und führte in meinem Becken zu einer kompletten, wellenförmigen Wasserbewegung. Die Möglichkeit der Einstellung eines Pulsmodus sorgt zudem für abwechselnde Strömungsverhältnisse wie sie in der Natur eines Korallenriffes auch vorkommen. Diese technische Veränderung war im Nachhinein die beste Investition in den ersten Monaten meines Beckens: Die SPS Korallen öffneten innerhalb von einem Tag alle ihre Polypen und in den nächsten Wochen stellte sich ein um Längen verbessertes Wachstum der Korallen ein. Dieses Beispiel zeigt: Ist nur eine der 3 Säulen der Meerwasseraquaristik in einem Becken nicht erfüllt, wird dies deutliche Auswirkungen auf das Korallenwachstum haben.

Solange man auf die Erfüllung der 3 Säulen achtet, ist es grundsätzlich egal, welche Technik man dazu einsetzt. Es gibt sicher Aquarien, die ohne Abschäumer aber z.B. mit Algenrefugium als wichtigstem Filter und der Schaffung funktionierender biologischer Gleichgewichte (zwischen Nährstoffproduzenten und -Konsumenten) betrieben werden. Man kann nicht sagen, dass man für ein erfolgreiches Riffaquarium einen Abschäumer braucht. Allerdings setzen solche eher untypischen technischen Zusammenstellungen wie bereits angedeutet ein gewissen Know-How von Technik und Biologie voraus und sind daher nichts für den Anfänger.

Besonders wichtig ist es, sich bereits vor dem Start ins Hobby gut und von unterschiedlichen Seiten aus einzulesen. Hierzu soll neben meinem Blog aber auch „echte“ Literatur dienen. Zudem gibt es auf Youtube gute Videos, z.B. von den Hobbyisten oder den beiden Mainzer Aquarianern von Meerwasserlive.tv – zudem kann ich nur ermutigen, auch englischsprachige Quellen hinzuzuziehen. Hier wird die Meerwasseraquaristik doch noch eine Spur aktiver und moderner betrieben und es lohnt sich immer, einen Blick von „Außen“ auf die deutsche Community zu wagen… An klassischer Literatur kann ich sehr den „Ratgeber Wasserchemie“ von Armin Glaser empfehlen. Ein bedingungslos empfehlenswertes, weil umfassendes UND zeitgemäßes Buch zur Meerwasseraquaristik findet man im deutschen Buchhandel m.E. derzeit nicht. Mit einigen Abstrichen kann ich aber „Das Meerwasseraquarium“ von Dieter Brockmann als lesenswert empfehlen. Daniel Knops „Lexikon der Meerwasseraquaristik“ ist ein schönes Nachschlagewerk und deckt neben technischen Zusammenhängen v.a. die Biologie und Systematik von Korallen, Fischen und Wirbellosen ab. Aufgrund des hohen Preises ist es aber eher ein Werk für den Riff-Enthusiasten und als nach dem Alphabet gegliederte Begriffskunde eine wenig geeignete Einstiegslektüre. Für den geneigten Internet-Leser ist sicher nicht gesondert herauszustellen, dass diverse Foren-Threads mit großer Vorsicht und idealerweise noch größerem Zeitbudget gelesen werden sollten. Hier verliert man sich schnell in Nichtigkeiten und Halbwahrheiten.

Wie ich bereits versucht habe klar zu machen, ist es wichtig, sich gute Technik ins Aquarium zu holen. Denn nur so hat man lange etwas von der Investition und kann eine gute Strömung, gutes Licht und gute Wasserparameter garantieren. Dies ist natürlich mit Kosten verbunden, die gerade für Anfänger unheimlich schwierig zu kalkulieren sind. Klar muss sein: die Investition in Schrank und Becken ist sicher kleiner als diejenige in eine gute lebenserhaltende Technik (Lampen, Strömungspumpe, Filterung) und diese wiederum sicher kleiner als die laufenden Kosten (Besatz, Verbrauchsmaterialien, Strom). Für sicher jedes Meerwasserbecken mit einem etwas anspruchsvolleren Korallenbesatz (LPS, SPS) muss man einen vierstelligen Gesamt-Investitionsbetrag kalkulieren. Bei mittleren Becken ab 150l („Mini-Becken“) geht es bei entsprechend guter Technik und anspruchsvollem Mischbesatz aber sogar bis in fünfstellige Summen. Diese wiederum sind bei großen Becken (>600 l) unabhängig von der Technik alleine schon aufgrund von Besatz und laufenden Kosten schnell erreicht. Und, auch wenn man anfangs ein Low-Budget-Nano-Projekt plant, kann aufgrund von Problemen oder Totalausfällen (auch wenn man sie sich nicht wünscht) schnell mal das knapp kalkulierte 600-Euro-Budget verdoppelt worden sein.

Aus diesen Überlegungen sollten sich gerade Anfänger nun sicherer fühlen, was man für ein funktionierendes Riffbecken benötigt und wie teuer das wird. Entschließt man sich nun endgültig, diesem tollen Hobby zu verfallen, bleiben eine Menge Spaß, faszinierende Bilder und das Gefühl, den tollsten Lebensraum der Erde in seinem eigenen Wohnzimmer erschaffen zu haben, übrig. Happy Reefing!

Das kommt als nächstes: „Jetzt mal konkret – Checkliste für die Erstanschaffung“

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